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Der Zug in den Wolken

DER ZUG IN DEN WOLKEN

Der argentinische Tren A Las Nubes, auf Deutsch: Zug in die Wolken, gehört zu den höchsten und spektakulärsten Bahnstrecken der Welt. Die Strecke mit ihren zahlreichen Brücken, Tunneln, Spitzkehren und Kehrschleifen gilt als Meisterwerk des Ingenieurhandwerks. Der höchste Bahnhof liegt auf 4.188 Meter.
 

WEITES LAND

Argentinien ist der achtgrößte Staat der Erde und der zweitgrößte Staat Südamerikas. Mit einer Fläche von rund 2.800.000 km² ist Argentinien größer als die europäischen Staaten Belgien, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Italien, Luxemburg, Niederlande, Norwegen, Österreich, Portugal, Schweiz und Spanien zusammen. Doch während Europa durchschnittlich 65 Einwohner pro km² zählt, sind es in Argentinien gerade mal 15 Einwohner pro km². In der nordwestlichen Provinz Salta, in der sich die Bahnstrecke des Tren A Las Nubes befindet, sind es sogar nur acht Bewohner pro km².
 

DIE URSPRÜNGE DER BAHNSTRECKE

Salta ist die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz Salta an den östlichen Ausläufern der Anden, der längsten Gebirgskette der Welt. Sie wurde im 16. Jahrhundert vom spanischen Eroberer Hernando De Lerma gegründet. Bis heute sieht man in Salta viele Bauwerke im spanischen Stil. Im Laufe der Zeit siedelten sich immer mehr europäische Einwanderer an. Zwei wichtige Wirtschaftszweige florierten: die Landwirtschaft und der Bergbau. Die Anden bergen große Mengen an Rohstoffen wie Silber und Salpeter, die seit Jahrhunderten abgebaut werden. Um die landwirtschaftlichen Erzeugnisse und die Rohstoffe in die ganze Welt verkaufen zu können, musste eine Verbindung zu einem großen Hafen geschaffen werden.

SALTA - ANTOFAGASTA

Antofagasta ist eine chilenische Stadt am Pazifischen Ozean, deren Hafen bis heute ein wichtiger Umschlagplatz für Kupfer, Stahl und Salpeter ist. 1922 begannen die Bauarbeiten der rund 780 Kilometer langen Bahnstrecke zwischen der argentinischen Stadt Salta und dem chilenischen Hafen Antofagasta. Eine enorme Aufgabe. Immerhin sollten die Züge immense Höhenunterschiede bewältigen. Von Salta auf 1.200 Metern über La Polvorilla auf 4.200 Metern nach Antofagasta auf Höhe des Meeresspiegels. Nach 27 Jahren Bauzeit wurde die Strecke fertiggestellt. Damit die Züge ohne Zahnradtechnik fahren konnten, wurden 44 Brücken, 21 Tunnel, zwei Spitzkehren und zwei Kehrschleifen errichtet.
 

TOURISMUS STATT GÜTERVERKEHR

Der Schienenverkehr erlebte in ganz Argentinien bis in die 1950er Jahre eine wahre Blütezeit. Das Schienennetz des südamerikanischen Landes war zu dieser Zeit sehr gut ausgebaut. Seit den 1960er Jahren wurden immer mehr Bahnlinien zugunsten des Straßenverkehrs stillgelegt. Die einst modernen Strecken verfielen nach und nach. Und so verlor auch die die Bahnstrecke zwischen Salta und Antofagasta an wirtschaftlicher Bedeutung. Geblieben war ist die Schönheit der Gebirgslandschaft entlang der Strecke. Und die sollte den Touristen keinesfalls vorenthalten bleiben.
 

TREN A LAS NUBES

1970 nahm der Touristenzug Tren A Las Nubes seinen Betrieb auf. Vom Bahnhof General Belgrano in Salta führte die ursprüngliche Strecke über die Kleinstadt San Antonio de los Cobres zum Viadukt La Polvorilla und zurück nach Salta. Das Viadukt La Polvorilla wurde auf 4188 Metern aus 1.600 Tonnen Stahl gebaut. Es überspannt eine Länge von 224 Metern und hat eine Höhe von 63 Metern. Auf dem Weg von Salta zum Viadukt passierte der Tren A Las Nubes 29 Brücken, 21 Tunnel, 13 Viadukte, zwei Kehrschleifen, zwei Spitzkehren und 21 Bahnstationen. Für die Fahrt von Salta nach La Polvorilla und zurück, einer Distanz von insgesamt 434 Kilometern, benötigte der Zug rund 17 Stunden. Bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 25 km/h konnten die Passagiere so die herrliche Landschaft bestens betrachten. Grüne Wiesentäler, wilden Kakteenlandschaften, das trockene Puna-Hochland und Gletscher mit Höhen knapp unter 6.000 Metern.

PLEITEN, PECH UND PANNEN

Nach mehreren Betreiberwechseln und dem schleichenden Verfall mangels Wartung aufgrund der sinkenden Bedeutung der Strecke häuften sich die technischen Pannen. Der schlimmste Zwischenfall ereignete sich 2005. Der Zug blieb auf dem Polvorilla-Viadukt stehen und die Passagiere mussten bei Minusgraden evakuiert werden. Aus diesem Grund wurde dem früheren Betreiber die Konzession entzogen und der Betrieb für drei Jahre eingestellt. Trotz einiger Reparaturen entgleiste der Zug in den Folgejahren immer wieder, sodass der Betrieb immer wieder eingestellt wurde. Bis 2016.
 

DIE KURZSTRECKE

Heute verkehrt der Tren A Las Nubes nur noch zwischen der Stadt San Antonio de los Cobres und dem Viadukt La Polvorilla. Die Entfernung beträgt 21 Kilometer. Der Zug umfasst zwei Passagierwagen, ein Bistro, einen Speisewagen und einen Servicewagen für 170 Passagiere. Gezogen wird das Gespann von einer dieselelektrischen Lokomotive mit rund 2.500 PS. Den Rest der ursprünglichen Strecke von der Provinzhauptstadt Salta zur Kleinstadt San Antonio de los Cobres legen die Passagiere in Reisebussen zurück. Für mitteleuropäische Verhältnisse eher ungewöhnlich ist die besondere Ausstattung der Züge. Medizinisches Betreuungspersonal und ein Abteil mit kleiner Krankenstation ist stets an Bord. Kein Wunder, denn viele Passagiere sind derartige Höhen und die sehr dünne Bergluft nicht gewöhnt. Sie müssen daher oftmals mit Sauerstoff und anderen Medikamenten gegen Beschwerden versorgt werden, die in großen Höhen auftreten. Oben angekommen ist aber wieder alles in Ordnung. Der imposante Blick über die Gipfel der Anden entschädigt definitiv für alle Unannehmlichkeiten!

 

Fotos: Veronique Debord-Lazaro/Wikipedia