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Der Jiayang Dampfzug

DER JIAYANG DAMPFZUG

Überall auf der Welt fahren Züge heutzutage überwiegend auf Gleisen der Normalspurweite mit 1435 Millimetern. Schmalspurbahnen hingegen werden mittlerweile hauptsächlich im Museumsverkehr von Vereinen betrieben. Es gibt allerdings noch Flecken auf der Erde, in denen die Schmalspurbahn den Lebensrhythmus ganzer Regionen bestimmen. Dazu gehört der Jiayang Dampfzug in der Provinz Sichuan im Südwesten Chinas.

 

ERST DIE KOHLE, DANN DIE TOURISTEN

Der Jiayang Dampfzug verkehrt seit 1959 auf der Strecke zwischen der Gemeinde Shixi und der alten Kohlemine Huangcunjing. Zunächst auf der Spurweite 600 Millimeter, seit 1960 auf 762 Millimeter. Gebaut wurde die Strecke von der Minengesellschaft Jiayang, die der Linie bis heute ihren Namen gibt. In den ersten Jahren transportierten die Züge ausschließlich Kohle. Einige Jahre nach der Inbetriebnahme wurden auch Personenwagen angehängt. Mit der wachsenden Bedeutung für die Bevölkerung wurde 1975 ein regulärer Personenverkehr mit mehreren Zugpaaren täglich eingeführt.

Touristen auf der Aussichtsplattform.
Die Schienen werden nicht nur vom Zug genutzt.

Um den Jahrtausendwechsel nahm die Fördermenge der Kohlemine stetig ab, sodass die Strecke stillgelegt werden sollte. Zwischen den Dörfern inmitten der hügeligen Landschaft gab es aber immer noch keine Verbindung über befestigte Wege. Aus der Not heraus entschieden sich die Behörden für die touristische Erschließung der Region. Die Kohlemine wurde zum Industriemuseum ernannt und die Route mit zusätzlichen Zügen für Touristen bestückt.

IM SCHNECKENTEMPO DURCH DIE REISFELDER

Die Strecke zwischen Shixi und Huangcunjing gilt mittlerweile als absolutes Pflichtziel aller Eisenbahnfans. Die Dampfloks ziehen die bis zu sieben Personenwagen mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 20 km/h über die rund 20 Kilometer lange Strecke durch das Gebirge. Dabei bewältigt jeder Zug einen Höhenunterschied von 238 Metern. Entlang der Strecke wechseln sich dichte Wälder und Reisfelder ab, die wie Terrassen in den Hängen angelegt sind. Auf der 75-minütigen Fahrt passiert der Jiayang Dampfzug eine Spitzkehre, sechs Tunnel und 109 Bögen. Dazu gibt es acht reguläre Haltestellen und vier Aussichtspunkte, an denen die Touristen tolle Fotos vom Zug und der Landschaft schießen können.

DIE GLEISSTRASSE ALS HAUPTVERKEHRSADER

Im normalen Personenzug transportieren die Menschen alles, was sie im täglichen Leben brauchen. Möbel, Baumaterial, Tiere und was sonst noch Platz in den engen Waggons findet. Fährt der Jiayang Dampfzug gerade mal nicht, nutzen die Einheimischen die Gleise und die schmalen Seitenstreifen zu Fuß und mit verschiedensten Fahrzeugen. Befestigte Straßen gibt es nicht. Also transportieren viele Bauern ihr Gemüse auf Draisinen von den Feldern zu den Dorfmärkten. Arbeiter fahren mit Fahrrädern und Motorrädern entlang der Gleise von Ort zu Ort. Auch die Tunnel werden für den Verkehr neben der Bahn genutzt. Damit Fußgänger und Zweiradfahrer beim Durchqueren der Tunnel nicht von einer Lok erfasst werden, befinden sich an den Eingängen Ampeln. Sobald sich ein Zug nähert, schalten die Signale auf Rot. Nicht ganz ungefährlich! Was für die Einheimischen normaler Alltag ist, bedeutet für die Touristen aus aller Welt eine abenteuerliche Reise in die Vergangenheit der Schlepptenderlokomotiven und Schmalspurbahnen.

 

Fotos: Michael Borgers, Kevin Frayer, Ulrich Tack
Not macht erfinderisch.